Die Sehnsucht nach dem aufgeräumten Leben
Dezember. Das Leben fühlt sich gerade am vollsten an. Vollgepackt. Übervoll.
Immer wenn sich mein Leben so anfühlt, meldet sich eine altbekannte Sehnsucht: die nach nach einem aufgeräumten Leben.
Ich sehe sie online, aber treffe sie auch offline: Menschen mit aufgeräumten Leben. In aufgeräumten Wohnungen. Mit aufgeräumten Tage: Morgens eine Stunde in der Natur. Dann meditieren. Dann fragen: Was will ich heute tun?
Ich will das auch.
Raum. Zeit. Luft.
Aber wenn ich das alles gemacht hätte, stünden meine Kinder schon wieder hungrig vor der Tür.
Kennst du diesen kurzen Moment? Diesen Zweifel, der aufblitzt: Lebe ich eigentlich mein Leben? Ist es das wirklich?
Diese Sehnsucht nach Mehr. Oder Meer? (Bei mir ist das oft dasselbe.)
Das Problem mit dem Vergleichen
Mit Social Media haben wir Einblick in so viele Leben. Der Vergleich ist eingebaut.
Was wir nicht sehen: Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Die aufgeräumte Wohnung – aber nicht die anderen Baustellen, die jedes Leben hat. Nur an anderen Stellen.
Mein Leben sieht anders aus. Unaufgeräumt. Kinderspielzeug überall. Viele Bedürfnisse von Kleinen und Grossen – das gleicht eher einem Jonglage-Akt als einem Yoga-Flow.
Life is messy.
Für diesen Satz bin ich Leo Babauta so dankbar. Er hat ihn oft geschrieben in seinem Zen Habits-Newsletter. Weil ja – so IST das Leben. Unvorhersehbar. Lebendig. Da gehört eine Portion Wildheit und Unordnung dazu. Es ist das pralle, volle Leben.
Aber diese Sehnsucht – nimm sie ernst
Nur: Schau tiefer.
Die Lösung ist manchmal Aufräumen. (Ok, eine Ausmist-Aktion im Kinderzimmer und im Keller ist wirklich fällig...)
Aber sicher nicht noch mehr Aufladen und Optimieren. Wir sind alle schon überoptimiert. Auf Effizienz getrimmt. Wenn es sich nach Druck anfühlt: Lass es sein.
Die spannendere Frage ist: Was will dir diese Sehnsucht eigentlich sagen?
Ego-Wunsch oder echtes Rufen?
Nicht jede Sehnsucht ist ein Ruf nach Veränderung. Manchmal ist sie geboren aus Vergleichen – aus dem "Ich will das auch haben". Manchmal ist sie ein echtes Rufen von etwas in dir, das gelebt werden will.
Der Unterschied?
Wenn ein Wunsch aus dem Vergleichen kommt, fühlt er sich nach Druck an. Nach Enge. Nach "leisten müssen".
Wenn er echt ist – aus dem Teil in dir, der für dein Wachsen zuständig ist – fühlt er sich nach Weite an. Nach Wachsen. Nach Schmetterlingen im Bauch.
Die Abkürzungsfrage: Macht es mich gross?
Zwei Geschichten aus meiner Arbeit
Eine Kundin hatte erfolgreich eine Selbständigkeit aufgebaut. Aber sie fragte sich immer wieder: Will ich das wirklich noch? Passt das WIRKLICH zu mir?
Während unserer gemeinsamen Arbeit merkte sie zu ihrer Überraschung: Ihre Arbeit passt perfekt zu ihr. Perfekt zu ihren Stärken und ihrer Lebensaufgabe. Die Sehnsucht nach etwas anderem war keine echte – sie kam aus Unsicherheit. Aus dem "Was, wenn das andere besser wäre?" Das kennen wir fast alle in einer Welt mit so vielen Möglichkeiten.
Eine ausgeprägte Form davon ist das Shiny Object Syndrome. Es verhindert, dass wir dranbleiben an dem, was uns eigentlich wichtig ist.
Die Antwort für sie war: Bleiben. Aber jetzt mit Klarheit und Ruhe.
Eine andere Kundin wollte sich umorientieren. Den nächsten Karriereschritt klären nach einer intensiven Phase als Inhaberin und Geschäftsleiterin.
Beim tieferen Hinschauen merkte sie: Sie brauchte erstmal Pause. Bevor der nächste Schritt sich zeigen konnte.
Es brauchte Mut, diesen Raum zu nehmen – nach einer Zeit, die sehr von Leistung geprägt war. Der nächste Schritt kam dann aus einer überraschenden Ecke. Nicht so, wie sie es ursprünglich antizipiert hatte.
Die Sehnsucht war echt, aber die Lösung war eine andere als gedacht.
Fragen, die tiefer führen
Wenn du gerade in so einem Moment steckst – diese Sehnsucht spürst, aber nicht weisst, ob sie echt ist oder aus dem Vergleichen kommt – hier ein paar Fragen:
Spür die Sehnsucht, stell dir vor, dass du etwas machst, um ihr nachzugehen. Dann spür in deinen Körper hinein: Macht es mich gross? Spürst du Weite oder Enge?
Was wäre ein kühner Schritt für mich? Diese Frage lockt das hervor, wovor du auch ein wenig Angst hast. Sei es, weil du dir die Pause nicht erlauben möchtest (was denken dann die anderen?). Oder weil du dir nicht zugestehen möchtest, das Vergleichen zu lassen und zu glauben, dass du genügst.
Was würde ich mir gerne erlauben?
Wobei würde ich mich total lebendig fühlen?
Was ich wirklich glaube
Die Lösung liegt innen.
Klarheit darüber, was ich wirklich will. Was mir wichtig ist. Mit diesem Kompass navigiere ich entspannt durch mein messy Life – inklusive allem, was Familie bringt, was Care-Arbeit bringt, was das Leben eben bringt.
Diese Aufgeräumtheit im Innern lässt mich (meistens) viel lockerer umgehen mit allem, was kommt. Ich bin weniger anfällig für die Unzufriedenheit durch Vergleichen. Weil ich weiss, was ich wirklich will – und dass ich das schon lebe.
Ein Nebeneffekt: Ich vergleiche mich viel seltener. Es gibt diese Unsicherheit weniger, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich weiss es einfach, weil ich meinen Purpose kenne. Das gibt mir Ruhe und Peace of Mind.
Vielleicht gibt es in den kommenden Tagen so einen Moment der Sehnsucht. Nimm ihn als Einladung zum Verlangsamen. Schau nach innen.
Frag dich: Was ruft mich wirklich? Wenn ich auf die Schmetterlinge und die Weite in mir höre?
May you live your life fully!